Wer den Klosterturm aufmerksam betrachtet, dem fällt vielleicht auf, dass die Bogenfriese des quadratischen Turmuntergeschosses nicht ganz regelmäßig gestaltet sind. Auf der Nordseite ist einer der kleinen Bögen und auf der Westseite sind zwei Bögen der Bogenfriese mit einer kleinen Ausbuchtung nach oben, einem Bogen auf dem Bogen, versehen. So entsteht eine gestalterische Variation, die erst mit der Gotik, etwa 80 Jahre später bei Bogenfriesen allgemein Verwendung fand. Am Göllinger Klosterturm wirkt es so, als ob die ausführenden Bauleute etwas ausprobieren wollten oder ein ursprünglich geplantes Konzept der verfeinerten Gestaltung - vielleicht aus Termingründen - nicht fortgeführt haben. Zur Zeit der Romanik gibt es zahlreiche Varianten der weit verbreiteten Bogenfriese. In Deutschland gibt es aus der Zeit der Romanik nur ganz wenige Beispiele für diese Gestaltung eines Bogenfrieses. Erstaunlicherweise ist ein Bogenfries an der St.-Petri-Kirche in Soest genauso wie in Göllingen nur mit einigen wenigen erweiterten Bögen ausgestattet. Diese Kirche wurde in den 1150er Jahren erbaut. Soest liegt in Westfalen am Hellweg. Der Hellweg war im Mittelalter, die wichtigste Straßenverbindung vom Rheinland mit der Metropole Köln nach Osten - sowohl für Bauhandwerke, die Techniken und Formen weiterverbreiteten, wie für den Kaiser auf seinen Reisen von Pfalz zu Pfalz.
Hier ist es ein kleines Details, das es uns ermöglicht das Bauwerk besser zu verstehen. Durch diese kleine Auffälligkeit in der Gestaltung des Bogenfrieses können wir den Klosterturm mit anderen Bauten in Verbindung bringen, seine Entstehungszeit besser eingrenzen und sehen, wie sich im 12. Jahrhundert Gestaltungsvarianten durch wandernde Bauleute verbreitet haben.